Zuletzt aktualisiert: 15.10.2026
Ein gebrauchtes Fahrrad, das im März um 400 Euro einen Käufer findet, bringt im November oft nur noch 300 Euro. Am Fahrrad hat sich nichts geändert, nur an der Zahl der Leute, die gerade eines kaufen wollen. Das ist Angebot und Nachfrage, ein Prinzip, das es gibt, seit Menschen miteinander tauschen, und das auf jedem Flohmarkt bis heute gelebt wird. Nach denselben Regeln entstehen aber auch die Preise auf Willhaben, beim Autokauf, an der Börse und sogar dein Gehalt. Diese Seite erklärt das Prinzip und zeigt, wo es dir im Alltag begegnet.
Inhalt
Wie ein Preis entsteht
Auf jedem Markt gibt es zwei Seiten. Die Anbieter wollen verkaufen und möglichst viel dafür bekommen, die Nachfrager wollen kaufen und möglichst wenig zahlen. Je höher der Preis, desto mehr Anbieter sind bereit zu verkaufen, aber desto weniger Käufer machen mit. Je niedriger der Preis, desto mehr Käufer finden sich, aber desto weniger Verkäufer. Irgendwo dazwischen liegt der Preis, bei dem genau so viel angeboten wie nachgefragt wird. Das ist der Marktpreis, Volkswirte nennen ihn Gleichgewichtspreis.

Daraus folgen zwei einfache Regeln: Wollen mehr Leute etwas haben, als vorhanden ist, steigt der Preis. Gibt es mehr davon, als die Leute haben wollen, fällt er. Was knapp ist, wird teuer, und was im Überfluss da ist, wird billig. Deshalb kostet Wasser aus der Leitung fast nichts, obwohl niemand ohne Wasser leben kann, und ein Diamant viel, obwohl ihn niemand zum Leben braucht. Der Preis sagt also nichts darüber, wie nützlich etwas ist, sondern wie knapp.
Flohmarkt, Willhaben und Autokauf
Am Flohmarkt sieht man das Prinzip am deutlichsten. Am Vormittag drängen sich die Leute an den Ständen, und wer zu früh nachgibt, verschenkt Geld. Am Nachmittag wird es leer, und wer nicht alles wieder einpacken will, geht mit dem Preis hinunter. Das Handeln ist nichts anderes als die Suche nach dem Preis, mit dem beide Seiten leben können: Der Verkäufer hat eine Untergrenze im Kopf, der Käufer eine Obergrenze, und dazwischen liegt der Spielraum für die Verhandlung.

Auf Willhaben und anderen Plattformen läuft es genauso, nur mit mehr Teilnehmern. Das Fahrrad aus der Einleitung bekommt im März fünf Anfragen und geht um 400 Euro weg. Im November meldet sich ein einziger Interessent und bietet 300 Euro, das sind 100 Euro oder ein Viertel weniger für dasselbe Fahrrad (Beispielwerte). Beim Autokauf ist es nicht anders: Ein gefragtes Modell in gutem Zustand findet schnell einen Käufer zum vollen Preis, ein Ladenhüter steht wochenlang und wird billiger. Ein Cabrio verkauft sich im Frühling besser als im Winter, ein Allradauto umgekehrt.
Dazu eine klare Meinung: Wer verkauft, sucht sich den Zeitpunkt aus, zu dem viele kaufen wollen. Wer kauft, schlägt zu, wenn die anderen gerade nicht wollen, und schaut vorher nach, welche Preise für Vergleichbares tatsächlich bezahlt werden.
An der Börse
Beim Handel mit Wertpapieren ist es nichts anderes, nur schneller und mit festen Regeln. Wer eine Aktie kaufen will, gibt einen Kaufauftrag mit dem höchsten Preis ab, den er zahlen will. Wer verkaufen will, gibt einen Verkaufsauftrag mit dem niedrigsten Preis ab, den er annimmt. Alle Aufträge landen im Orderbuch, einer Liste, die die Börse laufend führt. Der höchste gebotene Kaufpreis heißt Geldkurs, der niedrigste verlangte Verkaufspreis Briefkurs, und der Abstand dazwischen heißt Spread. Passen ein Kauf- und ein Verkaufsauftrag zusammen, kommt ein Geschäft zustande, und dieser Preis ist der neue Kurs. Bei einer Auktion, mit der zum Beispiel die Wiener Börse den Handelstag eröffnet, gilt der Preis, zu dem die meisten Aktien den Besitzer wechseln können.

Ein Kurs steigt also, weil mehr Leute eine Aktie kaufen als verkaufen wollen und bereit sind, mehr dafür zu zahlen. Gute Quartalszahlen, ein neues Produkt oder ein Gerücht verschieben die Nachfrage, und der Kurs folgt. Schlechte Nachrichten wirken umgekehrt. Hinter einer Aktie steht ein Unternehmen, das Gewinne macht, und auf lange Sicht folgt der Kurs meist diesen Gewinnen. Bei Kryptowährungen fehlt dieser Anker, dort hängt der Preis allein davon ab, was andere morgen dafür zahlen wollen.
Am Arbeitsmarkt
Angebot und Nachfrage gibt es auch dort, wo es auf den ersten Blick um keine Ware geht. Am Arbeitsmarkt bieten die Menschen ihre Zeit und ihr Können an, die Unternehmen fragen danach, und der Preis dafür ist das Gehalt. Gibt es in einem Beruf wenige Fachleute und viele offene Stellen, steigen die Gehälter, und die Firmen werben mit Zusatzleistungen um Bewerber. Gibt es viele Bewerber für wenige Stellen, können die Unternehmen auswählen, und die Gehälter steigen langsamer.

Wie schnell sich die Lage drehen kann, zeigen die Zahlen des AMS. Im Jahresdurchschnitt 2024 waren rund 297.900 Menschen arbeitslos gemeldet, und es gab rund 90.700 sofort verfügbare offene Stellen, also etwa 3,3 Arbeitslose pro Stelle. 2025 waren es 317.540 Arbeitslose und 78.844 offene Stellen, also rund 4 pro Stelle. Für Arbeitsuchende ist es damit schwieriger geworden, und für Gehaltsverhandlungen auch. Ganz frei ist dieser Markt allerdings nicht, denn der Kollektivvertrag legt in den meisten Branchen Mindestgehälter fest, unter die kein Arbeitgeber gehen darf.
Für dich heißt das: Wer etwas kann, das gesucht wird und das nicht jeder kann, ist am Arbeitsmarkt knapp und damit mehr wert. Weiterbildung ist so gesehen nichts anderes, als das eigene Angebot knapper zu machen.
Wenn Regeln den Preis begrenzen
Nicht jeder Preis darf sich frei bilden. Manchmal legen Gesetze oder Verträge eine Grenze fest, nach unten oder nach oben. Eine Untergrenze ist das Mindestgehalt im Kollektivvertrag. Eine Obergrenze gibt es zum Beispiel bei vielen Altbauwohnungen: Für sie gilt die Richtwertmiete, in Wien seit April 2026 mit einem Ausgangswert von 6,74 Euro pro Quadratmeter, zu dem Zu- und Abschläge kommen. Solche Grenzen sollen die schwächere Seite schützen. Sie haben aber Folgen, die sich mit Angebot und Nachfrage vorhersagen lassen: Liegt der erlaubte Preis unter dem Marktpreis, wollen mehr Menschen kaufen oder mieten, als angeboten wird. Dann entscheidet nicht mehr der Preis, wer zum Zug kommt, sondern Wartelisten, Vergaberegeln oder Glück, wie man es von Gemeinde- und Genossenschaftswohnungen kennt. Ob solche Grenzen richtig sind, darüber wird gestritten. Ihre Wirkung lässt sich aber mit demselben einfachen Prinzip erklären.

Der Rat zum Schluss: Bevor du etwas kaufst oder verkaufst, schau dir an, wie viele andere gerade dasselbe wollen. Ist die Nachfrage groß, bist du als Verkäufer im Vorteil und als Käufer im Nachteil, und umgekehrt. Und wenn alle von einer Sache schwärmen und kaufen, ist der Preis meistens schon hoch, denn die Gier hat auf jedem Markt ihren Preis.
Quellen: AMS: Übersicht über den Arbeitsmarkt, Jahr 2025; Wiener Börse: Marktmodell Fortlaufender Handel und Auktion; Statistik Austria: Richtwerte und Kategoriebeträge ab 1.4.2026. Stand: Oktober 2026.

Weiterlesen: An der Börse landen alle Kauf- und Verkaufsaufträge im Orderbuch, und wer kauft, gibt den höchsten Preis an, den er zahlen will. Welchen Auftrag du dabei erteilen kannst, regeln die Orderarten. Dort steht, wie Market Order, Limit Order und Stop Loss funktionieren.
Hinweis: Diese Seite erklärt ein wirtschaftliches Grundprinzip und ersetzt keine Beratung. Jede Lage ist anders. Die Preise im Fahrrad- und im Börsenbeispiel sind vereinfachte Beispielwerte.


