Vier Angestellte stehen unter einem großen orangen Schirm, daneben ein großes Dokument, oben das Wort Kollektivvertrag

Der Kollektivvertrag: Was er regelt und warum er für dein Gehalt zählt

Zuletzt aktualisiert: 13.10.2026

Für 98 Prozent der Arbeitnehmer in Österreich gilt ein Kollektivvertrag. Er legt fest, wie viel du mindestens verdienst, wie lange du arbeitest und ob dein Gehalt jedes Jahr mitwächst. Nichts davon steht im Gesetz: Es gibt in Österreich keinen gesetzlichen Mindestlohn und keinen Anspruch darauf, dass das Gehalt an die Inflation angepasst wird. Diese Seite erklärt, was ein Kollektivvertrag ist, was drinsteht, wie du deinen eigenen findest und warum er schon bei der Berufswahl eine Rolle spielen sollte.

Was ein Kollektivvertrag ist

Ein Kollektivvertrag, kurz KV, ist ein Vertrag zwischen den Vertretungen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer einer Branche. Auf der einen Seite verhandelt meist der zuständige Fachverband der Wirtschaftskammer, auf der anderen Seite die Gewerkschaft. Gemeinsam nennt man sie die Sozialpartner. In Österreich gibt es mehr als 800 Kollektivverträge, für den Handel, die Metallindustrie, die Banken, das Gastgewerbe, die IT und viele andere Branchen.

Rangordnung im Arbeitsrecht: ganz oben das Gesetz, darunter der Kollektivvertrag für die Branche, die Betriebsvereinbarung für einen Betrieb und der persönliche Arbeitsvertrag. Jede untere Stufe darf nur zugunsten der Beschäftigten abweichen.

Der KV gilt automatisch, du musst dafür nichts unterschreiben und nicht Mitglied der Gewerkschaft sein. Entscheidend ist, dass dein Arbeitgeber zur Branche gehört, für die der Vertrag abgeschlossen wurde. Weil fast alle Unternehmen Pflichtmitglied der Wirtschaftskammer sind, gilt ein Kollektivvertrag für so viele Menschen wie in kaum einem anderen Land.

Dabei gilt eine klare Rangordnung: Ganz oben steht das Gesetz, darunter der Kollektivvertrag, darunter eine Betriebsvereinbarung und zuletzt dein persönlicher Arbeitsvertrag. Jede untere Stufe darf von der oberen nur abweichen, wenn es für dich besser ist. Dein Arbeitsvertrag darf dir also ein höheres Gehalt oder mehr Urlaub geben als der KV, aber nie weniger. Eine Klausel, die schlechter ist, gilt einfach nicht.

Was im Kollektivvertrag steht

Jeder Kollektivvertrag ist anders, aber die wichtigsten Teile finden sich in fast allen. Das Herzstück ist die Gehaltstabelle: Je nach Tätigkeit wirst du in eine Verwendungsgruppe eingestuft, und für jede Gruppe steht dort ein Mindestgehalt. Weniger darf der Arbeitgeber nicht zahlen. Dazu kommen Regeln zur Arbeitszeit, zu Zuschlägen für Überstunden, Nacht- oder Sonntagsarbeit und zu Zulagen, etwa für Schmutz, Gefahr oder Schichtdienst.

Was im Kollektivvertrag steht: Mindestgehalt nach Verwendungsgruppe, jährliche Anpassung, Vorrückungen nach Dienstjahren, Arbeitszeit, 13. und 14. Gehalt, Zuschläge und Zulagen sowie Reisekosten und freie Tage.

Auch das Urlaubs- und Weihnachtsgeld, also das 13. und 14. Gehalt, ist in Österreich keine gesetzliche Pflicht. Es steht im Kollektivvertrag, und weil fast jeder einen hat, halten es viele für selbstverständlich. Warum diese beiden Zahlungen netto mehr bringen als ein normales Monatsgehalt, erklärt die Seite Brutto und Netto. Je nach Branche regelt der KV außerdem Reisekosten, zusätzliche freie Tage, Kündigungsfristen oder die Anrechnung von Vordienstzeiten, also von Jahren, die du vorher bei anderen Arbeitgebern gearbeitet hast.

Die jährliche Anpassung an die Inflation

Was die meisten Angestellten jedes Jahr ganz selbstverständlich erleben, ist ohne Kollektivvertrag nicht denkbar: Das Gehalt wird an die Teuerung angepasst. Das Gesetz kennt keine solche Anpassung. Die Sozialpartner verhandeln jedes Jahr neu, meist im Herbst, und erhöhen die Mindestgehälter. Oft werden auch die tatsächlich bezahlten Gehälter, die Ist-Gehälter, um einen Prozentsatz angehoben. Dabei geht es noch gar nicht um eine Gehaltserhöhung im eigentlichen Sinn, sondern nur darum, dass du dir mit deinem Gehalt im nächsten Jahr ungefähr dasselbe leisten kannst wie heute.

Kurven über zehn Jahre mit Beispielwerten: Mit jährlicher KV-Anpassung von 2,5 Prozent steigt das Gehalt von 2.500 auf rund 3.200 Euro. Ohne Anpassung bleiben 2.500 Euro am Lohnzettel, deren Kaufkraft auf rund 1.950 Euro sinkt.

Ohne Kollektivvertrag hängt das allein vom guten Willen des Unternehmens ab. Ein Rechenbeispiel mit Beispielwerten zeigt, was das bedeutet: Du beginnst mit 2.500 Euro brutto im Monat, und die Inflation liegt zehn Jahre lang bei 2,5 Prozent im Jahr. Mit einem KV, der jedes Jahr um diese 2,5 Prozent anpasst, verdienst du nach zehn Jahren rund 3.200 Euro und kannst dir damit dasselbe leisten wie am Anfang. Ohne Anpassung stehen weiterhin 2.500 Euro am Lohnzettel, aber diese 2.500 Euro sind dann nur noch so viel wert wie rund 1.950 Euro am Anfang. Du hast also gut ein Fünftel deiner Kaufkraft verloren, ohne dass jemand dein Gehalt gekürzt hat.

Dazu eine klare Meinung: Dass die Sozialpartner jedes Jahr verhandeln, ist eine wichtige Errungenschaft, von der die Angestellten in Österreich unmittelbar profitieren. Wer in einer Branche ohne Kollektivvertrag arbeitet, ist dem Unternehmen eher ausgeliefert und muss jede Anpassung selbst verhandeln.

Vorrückungen: Mehr Gehalt mit den Dienstjahren

Viele Kollektivverträge sehen zusätzlich automatische Gehaltssprünge vor, die Vorrückungen. Nach einer bestimmten Zahl von Dienstjahren rückst du in eine höhere Stufe der Gehaltstabelle vor, häufig alle zwei Jahre, in manchen Verträgen in anderen Abständen. Auch das steht in keinem Gesetz, und gerade deshalb ist es für alle wertvoll, die länger in einem Unternehmen bleiben.

Treppe der Vorrückungen mit Beispielwerten: alle zwei Jahre 45 Euro mehr im Monat, nach zehn Jahren 225 Euro mehr, zusätzlich zur jährlichen Anpassung.

Im Rechenbeispiel bringt eine Vorrückung alle zwei Jahre um 45 Euro nach zehn Jahren fünf Sprünge, also 225 Euro mehr im Monat. Zusammen mit der jährlichen Anpassung stehen dann rund 3.425 Euro am Lohnzettel statt 2.500 Euro ohne KV. Mit 14 Gehältern sind das im zehnten Jahr knapp 13.000 Euro brutto mehr. Wie hoch und wie häufig die Vorrückungen sind, ist von Branche zu Branche sehr verschieden, und manche neueren Kollektivverträge haben sie durch andere Modelle ersetzt.

Weniger Arbeitszeit, als das Gesetz erlaubt

Viele wissen nicht, dass die gesetzliche Normalarbeitszeit 40 Stunden pro Woche beträgt. In vielen Branchen hat der Kollektivvertrag sie auf 38,5 Stunden verkürzt, in manchen sogar noch weiter. Für dasselbe Gehalt arbeitest du also weniger.

Balken mit 40 Stunden gesetzlicher Normalarbeitszeit und 38,5 Stunden in vielen Kollektivverträgen. Im Jahr sind das rund 70 Stunden oder fast neun Arbeitstage weniger.

Die eineinhalb Stunden klingen nach wenig, aber sie summieren sich: Bei 47 Arbeitswochen im Jahr, also nach Abzug des Urlaubs, sind das rund 70 Stunden. Das sind fast neun volle Arbeitstage mit acht Stunden, die du im Jahr weniger arbeitest. Wer über die vertragliche Arbeitszeit hinaus arbeitet, leistet Mehrarbeit oder Überstunden, für die je nach KV ein Zuschlag oder Zeitausgleich zusteht.

Den eigenen Kollektivvertrag finden und lesen

Welcher Kollektivvertrag für dich gilt, steht im Dienstzettel oder im Arbeitsvertrag. Den Dienstzettel muss dir der Arbeitgeber zu Beginn des Arbeitsverhältnisses aushändigen, und darin ist der anzuwendende KV anzugeben. Den vollständigen Text findest du kostenlos online, zum Beispiel in den Datenbanken der Gewerkschaft auf kollektivvertrag.at und der Wirtschaftskammer.

Den eigenen Kollektivvertrag prüfen in fünf Schritten: Dienstzettel ansehen, Text auf kollektivvertrag.at oder wko.at öffnen, Einstufung prüfen, Gehalt mit dem Mindestgehalt vergleichen, bei Fragen Betriebsrat, Gewerkschaft oder Arbeiterkammer.

Beim Lesen lohnt sich vor allem ein Blick auf deine Einstufung: In welcher Verwendungsgruppe bist du, und welche Vordienstzeiten wurden angerechnet? Eine falsche Einstufung kostet jeden Monat Geld und fällt oft erst Jahre später auf. Vergleiche dann dein Gehalt mit dem Mindestgehalt der Tabelle. Liegt es darüber, wirst du überzahlt, das ist erlaubt und üblich. Liegt es darunter, stimmt etwas nicht. Bei Fragen helfen der Betriebsrat, die Gewerkschaft und die Arbeiterkammer.

Der Kollektivvertrag und die Berufswahl

Weil der Kollektivvertrag so viel regelt, macht es Sinn, sich schon vor der Berufswahl damit zu beschäftigen. Wer weiß, welche Branche einen guten KV hat, mit ordentlichen Mindestgehältern, regelmäßigen Vorrückungen und kürzerer Arbeitszeit, kann sich bewusst für gute Rahmenbedingungen entscheiden. Das ist kein Ersatz dafür, dass einem die Arbeit gefällt, aber es ist ein guter Grund, zwei ähnliche Berufe genauer zu vergleichen.

Vergleich mit und ohne Kollektivvertrag: Mindestgehalt, jährliche Anpassung, Vorrückungen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, kürzere Arbeitszeit sowie Zuschläge und Zulagen gelten ohne KV nicht automatisch.

Es gibt auch Branchen mit einem schwachen oder gar keinem Kollektivvertrag. Für einige Bereiche ohne KV legt eine Behörde, das Bundeseinigungsamt, zumindest einen Mindestlohntarif fest, eine jährliche Anpassung oder Vorrückungen sind damit aber nicht verbunden. Wer erst spät merkt, dass die eigene Branche schlecht geregelt ist, dem hilft meist nur der Wechsel in eine andere Branche. Es sei denn, man findet ein Unternehmen, das sich freiwillig an einen Kollektivvertrag anlehnt oder zumindest einzelne Punkte daraus übernimmt. Das sollte dann aber schriftlich im Arbeitsvertrag stehen, denn eine mündliche Zusage ist schwer durchzusetzen.

Der Rat zum Schluss: Lies deinen Kollektivvertrag mindestens einmal ganz durch, prüfe deine Einstufung und schau dir an, was dir zusteht. Und wer noch vor der Berufswahl steht, sollte den KV der Branche genauso vergleichen wie das Einstiegsgehalt.

Quellen: RIS: Arbeitsverfassungsgesetz (Kollektivvertrag, Außenseiterwirkung), Arbeitszeitgesetz (Normalarbeitszeit); WKO Steiermark: Wie Kollektivverträge Streiks verhindern (98 Prozent); kollektivvertrag.at; WKO – Kollektivverträge. Stand: Oktober 2026.

Eine vereiste Geldbörse, aus der orange Münzen eine Treppe hinaufsteigen, oben die Worte Kalte Progression

Weiterlesen: Mit einem KV, der jedes Jahr um 2,5 Prozent anpasst, steigen im Rechenbeispiel 2.500 Euro brutto in zehn Jahren auf rund 3.200 Euro. Wie viel von so einer Erhöhung netto ankommt, hängt auch von der kalten Progression ab. Dort steht, warum eine Gehaltserhöhung weniger bringt, als sie verspricht.

Hinweis: Diese Seite gibt einen allgemeinen Überblick und ersetzt keine Rechtsberatung. Jeder Kollektivvertrag ist anders: Was in deinem Fall gilt, steht im Text deines KV. Bei Fragen helfen der Betriebsrat, die Gewerkschaft und die Arbeiterkammer. Die Rechenbeispiele sind Beispielwerte.

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